Denkmalschutz hinter Mauern: Schülerinnen und Schüler erforschen die Justizvollzugsanstalt Lingen

Ein Denkmal mitten in der Innenstadt, das die meisten Menschen täglich sehen, aber kaum jemand betreten darf: Die Justizvollzugsanstalt Lingen stand im Schuljahr 2025/26 im Mittelpunkt eines außergewöhnlichen Forschungsprojekts des Gymnasiums Georgianum und der Gesamtschule Emsland. Ein Gebäude, das die wenigsten vermutlich mit dem Denkmalschutz in Verbindung gebracht hätten, wurde unter dem Titel Die Justizvollzugsanstalt Lingen: Denkmalschutz – betreten verboten?“  von Schülerinnen und Schüler beider Schulen gemeinsam zu den Themen Geschichte, Architektur und heutige Bedeutung des denkmalgeschützten Areals untersucht. Ausgangspunkt war die Frage, wie Denkmalschutz an einem Ort vermittelt werden kann, der aus Sicherheitsgründen nur eingeschränkt zugänglich ist. Die Jugendlichen gingen dieser Herausforderung mit Archivarbeit, Exkursionen, Gesprächen mit Mitarbeitenden der JVA, einem Interview mit einem Insassen der JVA und eigenen Forschungsarbeiten nach.

Die Schülerinnen und Schüler entdeckten dabei, dass die heutige Justizvollzugsanstalt weit mehr ist als ein Gefängnis, das ursprünglich zwischen 1833 und 1835 als Kaserne erbaut wurde. Nach dem Verkauf an das Justizministerium wurde die Anlage ab Mitte des 19. Jahrhunderts zum Frauenzuchthaus und Arbeitshaus umgebaut. Bis heute prägen historische Gebäude wie die ehemalige Kaserne, das Direktorenhaus, die Bäckerei, die Kirche, der Zellentrakt und die Gefängnismauer das Stadtbild. Um einen Überblick darüber zu erlangen, stellte eine Arbeitsgruppe das Areal mit den denkmalgeschützten Gebäuden im 3D-Drckverfahren plastisch dar.

Ein weiterer Schwerpunkt der Forschungsarbeiten beschäftigte sich mit dem Leben der Gefangenen. Die Schülerinnen und Schüler verglichen historische Quellen mit dem heutigen Haftalltag. Während Gefangene im 19. Jahrhundert oft zwölf Stunden täglich arbeiten mussten und nur wenig Freizeit hatten, steht heute die Resozialisierung im Vordergrund. Die Jugendlichen bekamen einen Eindruck vom Tagesablauf in der modernen JVA, Bildungsangebote, Arbeitsmöglichkeiten und therapeutische Maßnahmen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Gefängnisse heute nicht mehr allein Orte der Bestrafung sind. Vielmehr sollen sie Inhaftierte auf ein Leben nach der Haft vorbereiten und eine Rückkehr in die Gesellschaft ermöglichen.

Besonders eindrucksvoll waren die Recherchen in historischen Personenakten des Niedersächsischen Landesarchivs in Osnabrück, bei der die Schülerinnen und Schüler die Lebensgeschichten ehemaliger Gefangener rekonstruierten und in Steckbriefen festhielten.

So beschäftigten sie sich z. B. mit einer hochschwangeren Insassin, die 1866 wegen Betrugs und Hehlerei inhaftiert war und verzweifelt um eine vorzeitige Entlassung bat. Auch die Geschichte einer Witwe, die wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung verurteilt wurde und ihr zweijähriges Kind mit in die Anstalt brachte, machte deutlich, wie eng soziale Not und Kriminalität damals oft miteinander verbunden waren. Die Akten erlaubten den Jugendlichen einen seltenen Einblick in die Lebenswirklichkeit von Menschen, die sonst kaum in den Geschichtsbüchern vorkommen.

Ein weiterer Projektbereich widmete sich der Rolle der Strafanstalt während der NS-Diktatur. Eine Schülerinnengruppe untersuchten die Zusammenarbeit der JVA mit den Emslandlagern und die Funktion der Anstalt als Verteilungs- und Durchgangsstation für Gefangene. Anhand von Archivakten rekonstruierten sie Einzelschicksale und zeigten, wie die nationalsozialistische Justiz politische Gegner verfolgte. Besonders bewegend war die Geschichte eines Insassen, der wegen der nationalsozialistischen Rassengesetze verurteilt und später nach Auschwitz deportiert wurde. Die Recherchen machten deutlich, dass die Gebäude der heutigen JVA nicht nur Baugeschichte, sondern auch die Erinnerung an politische Verfolgung und staatliches Unrecht bewahren.

Neben der historischen Forschung setzten sich die Schülerinnen und Schüler auch mit den Grundlagen der Denkmalpflege auseinander. Sie lernten welche Aufgaben die Denkmalschutzbehörden übernehmen und warum historische Gebäude erhalten werden müssen.

Dabei wurde deutlich, dass Denkmalschutz weit mehr bedeutet als die Bewahrung alter Mauern. Historische Orte vermitteln Identität, machen Geschichte sichtbar und ermöglichen es, gesellschaftliche Entwicklungen nachzuvollziehen. Gerade die JVA Lingen zeigt, wie eng Architektur, Politik und soziale Geschichte miteinander verbunden sind.

Für die Beteiligten war es besonders interessant, dass sich ein bedeutendes Kulturdenkmal nur wenige Minuten von ihrer Schule entfernt befindet. Täglich fahren zahlreiche Schülerinnen und Schüler an den hohen Mauern vorbei, ohne die historischen Geschichten dahinter zu kennen. Das Projekt hat gezeigt, dass auch schwer zugängliche Orte wertvolle Lernorte sein können. Die Justizvollzugsanstalt Lingen wurde für die Jugendlichen zu einem Fenster in fast 200 Jahre Stadt-, Sozial- und Zeitgeschichte. Gleichzeitig machte das Projekt deutlich, dass Denkmalschutz nicht nur Vergangenes bewahrt, sondern einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Gegenwart leistet.

Bedanken möchten wir uns für den wertvollen Hilfen und Einblicke bei der Justizvollzugsanstalt Lingen, dem Emslandmuseum Lingen, dem Stadtarchiv Lingen, dem Landesarchiv Osnabrück, der Untere Denkmalschutzbehörde Landkreis Grafschaft Bentheim. Darüber hinaus gilt unser Dank den beiden Schulen sowie dem Schulprogramm „denkmal aktiv – Kulturerbe macht Schule“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz für die Förderung und Unterstützung.

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